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27.01.2012

GrippeWeb: bevölkerungsbasierte Längsschnitterhebung akuter Atemwegsinfekte

Die Arbeitsgemeinschaft Influenza erfasst seit 20 Jahren die Zahl der Konsultationen wegen akuter Atemwegsinfekte in Sentinel-Praxen. Ihre Daten werden nun ergänzt durch das GrippeWeb: ein bevölkerungsbasiertes Überwachungssystem, bei dem freiwillige Teilnehmer wöchentlich online Angaben zu Symptomen respiratorischer Infekte machen. mehr »

Akute Atemwegsinfekte sind meist harmlos, haben aber wegen ihrer Häufigkeit erhebliche Auswirkungen auf die Volksgesundheit und verursachen Kosten durch Arbeitsausfälle, Arztbesuche und gelegentlich auch stationäre Behandlungen. 2009 waren akute Atemwegsinfektionen allein in Deutschland verantwortlich für über 1,5 Millionen Episoden von Arbeitsunfähigkeit.

Das Sentinel-System der Arbeitsgemeinschaft Influenza erfasst Häufigkeiten von Arztkontakten wegen Atemwegsinfekten. Da aber nicht alle Atemwegsinfekte die Betroffenen in die Arztpraxis führen, war bislang wenig bekannt darüber, wie häufig solche Infekte insgesamt vorkommen. Ein neues Erfassungsinstrument soll diese Lücke schließen: das GrippeWeb, eine vom Robert Koch Institut nach Vorbildern in Großbritannien und den Niederlanden im März 2011 lancierte Website zur Längsschnitterfassung akuter respiratorischer Erkrankungen.

GrippeWeb setzt auf freiwillige Teilnahme von Personen, die bereit sind, einmal pro Woche Auskunft zu geben über Erkrankungssymptome wie Husten, Halsschmerzen und Fieber. Geben die Teilnehmer an, gleichzeitig Fieber und Husten oder Halsschmerzen (oder beides) gehabt zu haben, wird ihre Erkrankung als grippeähnliche Erkrankung (influenza-like illness; ILI) klassifiziert. Liegt nur eines der Symptome vor oder bestehen typische Erkältungssymptome ohne Fieber, wird das als akute respiratorische Erkrankung (ARE) registriert.

Innerhalb des ersten halben Jahres meldeten sich über 1300 Teilnehmer auf GrippeWeb an, von denen jede Woche über 80 Prozent die Frage nach dem aktuellen Befinden beantworten. Am häufigsten erkrankten demnach 0-bis-4-Jährige an respiratorischen Infekten (12%), in den übrigen Altersgruppen lag die Häufigkeit zwischen 4% und 8%. Insgesamt liegen die wöchentlichen ARE-Raten zwischen 10% in der dritten Februarwoche und 5% in den ersten Augustwochen. Eine grippeähnliche Erkrankung (ILI) trat bei 2,5% (Februar) bzw. 1% (August) der GrippeWeb-Teilnehmer auf.

18% der ARE- und 42% der ILI-Betroffenen hatten wegen der Beschwerden einen Arzt/eine Ärztin aufgesucht. In 26% (ARE) und 64% (ILI) waren die Erkrankten zu Hause geblieben. Geht man grob gerundet davon aus, dass etwa jeder fünfte Patient mit unkomplizierten Erkältungskrankheiten in einer Arztpraxis vorstellig wird, repräsentieren die von der Arbeitsgemeinschaft Influenza registrierten Konsultationen also ungefähr ein Fünftel der Erkrankungen. Bei den grippeähnlichen Erkrankungen dürfte die Erkrankungshäufigkeit etwa eineinhalbmal so hoch sein wie die Zahl der Konsultationen.

Für die Wintersaison 2011/2012 erhoffen sich die Betreiber des GrippeWeb noch aussagekräftigere Zahlen. Weil die Aussagekraft der Erhebung stark von der kontinuierlichen Teilnahme abhängt, soll ein Gewinnspiel den Anreiz zur regelmäßigen Beantwortung der wöchentlichen Frage steigern.

Quellen
https://grippeweb.rki.de
Remschmidt C: Bevölkerungsbasierte Erhebung der Häufigkeit von akuten Atemwegserkrankungen. Epidemioloisches Bulletin 37/2011,
Robert Koch Institut 2011,
www.rki.de/cln_109/nn_2030884/DE/Content/Infekt/
EpidBull/Archiv/2011/37__11,templateId=raw,property
=publicationFile.pdf/37_11.pdf

05.01.2012

Schweißen: Kanzerogene Metallstäube oft über Arbeitsplatzgrenzwerten

Eine große Querschnittuntersuchung von Schweißgaskonzentrationen an Arbeitsplätzen von Schweißern zeigt: Die Exposition ist stark abhängig vom eingesetzten Schweißverfahren und den verwendeten Materialien. mehr »

Schweißerinnen und Schweißer sind bei ihrer Arbeit potenziell gesundheitsschädigenden Emissionen aus Gasen und Partikeln ausgesetzt. Eine groß angelegte interdisziplinäre Querschnittstudie des Instituts für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV (IPA) und des Instituts für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) hat jetzt die Belastung genauer untersucht und dafür bei 243 Schweißern aus 23 Betrieben verschiedener Branchen direkt am Arbeitsplatz Messungen vorgenommen.

Die Schweißrauchkonzentrationen variierten erheblich. Unter Arbeitsbedingungen mit geringer Exposition lagen die Messwerte oft unter der analytischen Nachweisgrenze, bei emissionsstarken Verfahren zeigten sich Konzentrationen oberhalb der Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW). Die Mediane für die Schweißrauchkonzentration lagen bei 2,18 mg/m3 für einatembaren Staub (E-Staub) und 0,97 mg/m3 für alveolengängige Partikel (A-Staub). Im messbaren Bereich korrelierten beide Werte eng.

Deutliche Unterschiede zeigten sich bei den eingesetzten Schweißverfahren und Materialien: Während die meisten Schweißrauchmessungen beim Wolfram-Inertgas-Schweißen unterhalb der Nachweisgrenze für A-Staub lagen, zeigten die Messungen beim Metallschutzgas-Schweißen mit Fülldraht hohe Massekonzentrationen – mehr als zwei Drittel der Werte lagen über dem AGW (3 mg/m3). Beim Metallschutzgas-Schweißen mit Massivdraht lag der Median bei 1,64 mg/m3, ein Drittel der Probanden wiesen Schweißrauchkonzentrationen über dem AGW auf. Der Einsatz von Schweißermasken mit gebläseunterstütztem Atemschutz (Gebläsehelme) reduzierte die Konzentrationen des A-Staub bis auf eine Messung unter die Nachweisgrenze.

Mittels statistischer Modelle wurden durchschnittliche Expositionen für verschiedene Arbeitsplatzsituationen abgeschätzt. Fülldraht-Schweißen führte im Mittel zu 2,3-fach höheren Schweißgaskonzentrationen als Metallschutzgas-Schweißen mit Massivdraht, am niedrigsten war die Belastung beim Wolfram-Inertgas-Schweißen. Eine wirksame Schweißrauchabsaugung reduzierte die Exposition um etwa 35%. Das Arbeiten in engen, schlecht belüfteten Räumen hingegen verdoppelte die Exposition fast (1,8-fache Belastung).

Auch für Mangan-, Chrom- und Nickelverbindungen zeigten die Messungen teils erhebliche Konzentrationen im Schweißrauch. Die mittlere Mangankonzentration (A-Staub: Median 62 µg/m3) lag um ein Mehrfaches über der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft empfohlenen Maximalen Arbeitsplatzkonzentration (MAK) von 20 µg/m3. Für Chrom betrug der Median 3,6 µg/m3, für Nickel 2,6 µg/m3.

Als Präventionsmaßnahmen empfehlen die Autorinnen und Autoren der Studie angesichts ihrer Ergebnisse:

  • Ersatz stark emittierender Verfahren (Fülldrahtschweißen) durch emissionsärmere Verfahren
  • Verwendung von Gebläsehelmen
  • brennerintegrierte Absaugungen

Quellen
Pesch B et al.: WEDOX – Metallbelastungen beim Schweißen und deren gesundheitliche Auswirkungen. Interdisziplinäres Projekt zur Aufstellung gesundheitsbasierter Grenzwerte für krebserzeugende Metalle. IPA-Journal 02/2011, S. 12-17
www.ipa.ruhr-uni-bochum.de/pdf/IPA_Journal_11_02_Weldox.pdf

14.11.2011

Kontaktdermatitis: Latexhandschuhe schützen nicht

Wer putzt, schützt seine Hände vor Wasser und Reinigungsmitteln oft mit Einmalhandschuhen aus Latex. Dabei schützen die vor beidem kaum. Noch schlimmer: Auch professionelle Reinigungskräfte verwenden oft dünne Latexhandschuhe statt wirklich schützender Gummimodelle. Gute Zeiten für Handekzeme und Kontaktdermatitis, die bis zur Berufsunfähigkeit führen können. mehr »

Anfangs sieht es harmlos aus. Gerötete, schuppige Hände können bei Reinigungspersonal schon mal vorkommen. Dass diese Handekzeme mit geeigneten Schutzhandschuhen und richtiger Pflege vermeidbar sind, ist vielen Betroffenen nicht bekannt. Noch weniger bekannt ist, dass die gestörte Hautbarriere Allergien Tür und Tor öffnet – im wahrsten Sinne des Wortes. Und die kommen (wen wundert’s?) bei Reinigungskräften ganz schön häufig vor, wie eine Untersuchung des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden zeigt.

Ein dermatologisches Forschungsteam der Uni Dresden analysierte Patch-Tests von 803 weiblichen Reinigungskräften, die zwischen 1996 und 2009 in verschiedenen dermatologischen Abteilungen auf Kontaktdermatitis untersucht wurden. 19,4% der Untersuchten hatten eine atopische Dermatitis in der Anamnese, 81,6% litten unter einer berufsbedingten Handdermatitis, bei 31% stellten die Dermatologen eine allergische Kontaktdermatitis fest. Die beliebten Einmalhandschuhe aus Latex schützen nicht nur schlechter als dickere Gummimodelle; oft sind sie sogar selbst Auslöser der Allergie. Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die nicht beruflich putzte, zeigten sich bei den Reinigungskräften signifikant häufiger Allergien auf Gummizusätze wie Thiurame, Zinkdiethyldithiocarbamat, Mercaptobenzothiaziol sowie Formaldehyd.

„Kontaktekzeme sehen anfänglich oft harmlos aus und werden nicht ernst genommen“, hat Studienleiterin PD Dr. Andrea Bauer festgestellt. „Wenn sich aber auf der Basis der gestörten Hautbarriere Allergien gegen Berufsstoffe entwickeln, kann das im schlimmsten Fall zur Berufsunfähigkeit führen.“

Um die Hände bei Reinigungsarbeiten zu schützen, empfehlen die Dresdner Forscher:

  • Nur dicke, wieder verwendbare Gummihandschuhe sorgen für adäquaten Schutz.
  • Die Schutzhandschuhe sollten mit Baumwolle beflockt oder mit Baumwollstrick ausgekleidet sein, damit die Haut nicht so leicht schwitzt und ein direkter Kontakt zum Gummi vermieden wird.
  • Der Handschuh sollte locker sitzen, um ein übermäßiges Schwitzen der Hand zu verhindern.
  • Wer besonders zu schwitzenden Händen neigt, sollte unter dem Schutzhandschuh dünne, in Apotheken erhältliche Baumwollhandschuhe tragen.
  • Bei längerem Arbeiten mit Schutzhandschuhen sind spätestens bei beginnender Durchfeuchtung die Innenhandschuhe durch saubere, trockene zu ersetzen. Die dünnen Innenhandschuhe lassen sich gut waschen und danach wieder nutzen.
  • Wenn – wie im medizinischen Bereich – dünne Einmal-Gummihandschuhe vorschriftsmäßig zum Einsatz kommen, sind nur noch Handschuhe ohne den Allergie erregenden Gummi-Zusatzstoff Thiuram zu verwenden.
  • Das Wasser zum Putzen und Abwaschen sollte lediglich Körpertemperatur haben, um die Schwitzneigung der Haut zu minimieren.
  • Um die Haut auch im Handschuh möglichst gut zu schützen, empfiehlt es sich, zwei unterschiedliche Cremes zu verwenden: während der Arbeit Hautschutzcremes, nach dem Händewaschen und nach der Arbeit Pflegecremes. Welche Creme die richtige ist, kann mit dem Hautarzt oder dem Apotheker besprochen werden, Die Wahl hängt vom Hauttyp und der Art der Tätigkeit ab.
  • Wer empfindliche Haut hat, sollte sich nicht zu oft die Hände waschen und dabei lauwarmes Wasser und milde Flüssigseifen verwenden.

Arbeitgeber sind verpflichtet, ihren Angestellten für die von ihnen ausgeübte Tätigkeit geeignete Handschuhe und Hautcremes zur Verfügung zu stellen. Dieser Verpflichtung kommen jedoch offenbar viele nicht nach.

Sind erst einmal berufsbedingte Hautirritationen da, können auch die Berufsgenossenschaften weiterhelfen. Sie stellen unter anderem Hautschutzmittel und Therapien zur Verfügung. Ziel: Die Haut heilen, um Arbeitsfähigkeit und Arbeitsplatz zu erhalten.

Studienleiterin Andrea Bauer: „Die Hände sind unsere wichtigsten Werkzeuge – sie müssen gesund bleiben, sonst kann das die berufliche Existenz gefährden.“

Pressemitteilung des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus (Dresden):
Einweghandschuhe: Beim Putzen eher Gefahr als Schutz

Quellen
Liskowsky J, Geier J, Bauer A: Contact allergy in the cleaning industry: analysis of contact allergy surveillance data of the Information Network of Departmens of Dermatology. Contact Dermatitis 2011; 65: 159-166
Einweghandschuhe: Beim Putzen eher Gefahr als Schutz. Pressemitteilung des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus, Dresden, www.uniklinikum-dresden.de

24.10.2011

Langzeit-Kranke: Sinn der Arbeit entscheidet über Wiedereinstieg

Für Angestellte, die lange krank geschrieben waren, kann der Wiedereinstieg in den Beruf eine komplexe Angelegenheit sein. Eine dänische Untersuchung hat jetzt gezeigt, dass der erlebte Sinn der eigenen Arbeit dabei eine große Rolle spielt. mehr »

Altenpflege gehört zu den anstrengenden und gleichzeitig wenig gewürdigten (und schlecht bezahlten) Berufen. Vielleicht sind das Gründe für den oft hohen Krankenstand beim Personal in Altenpflegeheimen. Eine dänische Studie hat jetzt genauer untersucht, was nach längeren krankheitsbedingten Fehlzeiten darüber entscheidet, wie schnell Altenpflegerinnen und -pfleger wieder einsatzfähig sind.

Die Autoren verfolgten 9947 Angestellte in Altenheimen, die nach einer nationalen Datenbank Krankengeld oder ähnliche Leistungen bezogen. 598 dieser Angestellten waren länger als acht Wochen krankgeschrieben; diese wurden ins Follow-up bis ein Jahr nach Beginn der krankheitsbedingten Fehlzeit aufgenommen. Die im Baseline-Fragebogen erfassten psychosozialen Arbeitsmerkmale und arbeitsbezogenen psychologischen Zustände wurden verglichen mit dem Zeitpunkt des Wiedereinstiegs.

Zum Erstaunen der Untersucher spielte keines der psychosozialen Arbeitsmerkmale (emotionale Anforderungen, Rollenkonflikte, Führungs- und Beeinflussungsqualitäten) eine große Rolle für den Zeitpunkt des Wiedereinstiegs in den Beruf. Fündig wurden sie aber unter den arbeitsbezogenen psychologischen Zuständen, zu denen das affektive organisatorische Commitment und die Erfahrung mit dem Sinn der Arbeit gehören. Letztere hatte wesentlichen Einfluss auf den Wiedereinstieg in das Arbeitsleben. Oder andersherum: Angestellte, die ihre Arbeit schon im Baseline-Fragebogen nicht als besonders sinnvoll eingestuft hatten, taten sich deutlich schwerer damit, wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

„Die Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass die Erfahrung mit dem Sinn bei der Arbeit als wichtige Arbeits-/Lebens-Ressource betrachtet werden muss, da sie die Kapazität der krankheitsbedingt fehlenden Angestellten steigert, nach längeren krankheitsbedingten Fehlzeiten wieder zur Arbeit zurückzukehren“, schreiben die Autoren der Studie.

Auf den zweiten Blick ist das Ergebnis wenig überraschend. Sein Hinweis auf die Bedeutung des erlebten Sinns der eigenen Arbeit für Genesung und Motivation sollte Anlass sein, diesem Sinn im Rahmen von Salutogenese und Prävention, aber auch bei der Rekonvaleszenz und Rehabilitation ein größeres Gewicht beizumessen – nicht nur in der Altenpflege.

Quellen
Clausen T et al.: Return to work among employees with long-term sickness absence in eldercare: a prospective analysis of register-based outcomes. Int J Rehabil Res 2011; 34: 249-254

22.09.2011

Das sticht: Verletzungssichere Kanülen noch nicht überall angekommen

Die Verwendung sicherer Kanülen und Lanzetten in Kliniken und Praxen ist seit einigen Jahren gesetzlich vorgeschrieben. Im Alltag zeigen sich jedoch (noch) erhebliche Lücken in der Umsetzung. mehr »

Nadelstichverletzungen gehören zum Berufsalltag medizinischen Personals – wahrscheinlich noch deutlich häufiger, als Meldezahlen vermuten lassen. In der Umfrage „Schutz vor Nadelstichverletzungen – Anspruch und Realität im Arbeitsalltag“ des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) und der Initiative Safety first! gaben über 70% der befragten 460 Pflegekräfte an, schon einmal von einer Nadelstichverletzung betroffen gewesen zu sein. Mehr als 45% hatten sich sogar schon mehrmals gestochen.

Das Thema ist nicht neu. Neu ist aber vielen offenbar, dass sichere Systeme zur Verfügung stehen – und ihre Verwendung vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist: „Um Beschäftigte vor Verletzungen bei Tätigkeiten mit spitzen oder scharfen medizinischen Instrumenten zu schützen, sind diese Instrumente unter Maßgabe der folgenden Ziffern 1 bis 7 – soweit technisch möglich – durch geeignete sichere Arbeitsgeräte zu ersetzen, bei denen keine oder eine geringere Gefahr von Stich- und Schnittverletzungen besteht“, besagt die Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 250. Sie gilt seit 2003 und wurde 2008 angepasst und ergänzt.

Bis die sicheren Kanülen und Lanzetten auf Stationen und in Arztpraxen Einzug gehalten haben, sind mehrere Jahre ins Land gegangen – und vermutlich einige Stichverletzungen. Und es wird wohl weitere Zeit und Überzeugungsarbeit kosten, bis wirklich nur noch sichere Instrumente zur Anwendung kommen. Die Umfrage von DBfK und Safety first! zeigt nämlich auch, dass das Wissen zum Thema und die Verbreitung der neuen Modelle verbesserungswürdig sind.

Knapp 32% der Befragten wussten nicht, dass die TRBA den Einsatz sicherer Instrumente überall vorschreibt, wo Infektionen durch Nadelstichverletzungen möglich sind. Ein Drittel der Pflegekräfte gab an, in ihren Krankenhäusern gäbe es keine jährlichen sicherheitstechnischen Unterweisungen. Mehr als die Hälfte waren nicht in der Anwendung der neuen Instrumente geschult. Wo Schulungen stattgefunden hatten, wurden diese aber durchweg positiv beurteilt.

80% der Pflegekräfte beurteilten auch die neuen Instrumente selbst gut – sie würden helfen, das Verletzungsrisiko zu verringern. Mehr als 70% fanden den Sicherheitsmechanismus leicht mit einer Hand auszulösen. Aber ein Drittel der Klinikleitungen fördere die Umstellung auf sichere Instrumente nicht. Immerhin liegt bei 89% ein Ablaufplan für das Vorgehen nach Nadelstichverletzungen vor.

Am weitesten verbreitet sind verletzungssichere Injektions-, Venenverweil-, Flügel- und Blutentnahmekanülen – wenn auch noch längst nicht flächendeckend. Bei Lanzetten werden immer noch häufig Produkte ohne Schutzmechanismus verwendet.

Die konsequente Anwendung der Sicherheitsmaßnahmen ist ein Fernziel – und wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. Bei einer Kontrolle des Gewerbeaufsichtsamtes von 300 Praxen in Niedersachsen stellte sich heraus, dass lediglich 11% vollständig auf Sicherheitsprodukte umgestellt hatten.

PDF-Download: www.nadelstichverletzung.de

Quellen
Umfrage bestätigt: Verletzungssichere Instrumente schützen vor lebensgefährlichen Infektionen. Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und Safety first!, August 2011
Schutz vor Nadelstichverletzungen mit Optimierungspotenzial. Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), August 2011
Arbeitsunfall – Nadelstich. Kleiner Stich – große Wirkung. Arbeit und Gesundheit 2011

06.09.2011

Grenzwerte am Arbeitsplatz: IFA-Liste neu aufgelegt

Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) hat eine Neuauflage der Grenzwerteliste herausgebracht. mehr »

Bis zu welchen Grenzwerten ist Aceton am Arbeitsplatz erlaubt? Welche Erreger können Forstwirten gefährlich werden? Wie wird die Schwingungsbelastung bei Baggerführern berechnet? Kein Mensch kann diese Daten alle im Kopf haben. Für viele chemische, biologische oder physikalische Einwirkungen auf Personen gibt es staatliche Vorgaben, für andere lediglich arbeitsmedizinische Erkenntnisse oder ausländische Publikationen.

In der Grenzwerteliste hat das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) alle zusammengetragen. Nun ist eine aktuelle Neuauflage herausgekommen. Das gut 200 Seiten dicke Nachschlagewerk fasst Grenzwerte, Berechnungsformeln und Tabellen zusammen, die zur Einordnung arbeitsbedingter Belastungen und ihre Bewertung im Sinne der EU-Richtlinie 89/391/EWG und des Arbeitsschutzgesetzes gebraucht werden.

In erster Linie führt die Liste Grenzwerte auf, die in staatlichen Vorschriften und Regelwerken aufgeführt sind. Wo lediglich Angaben in Normen bzw. als arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse oder Veröffentlichungen ausländischer Institutionen zur Verfügung stehen, werden diese mit einer entsprechenden Bemerkung zitiert.

Die im Dezember 2009 erstmals veröffentlichte Gefahrstoffliste des IFA (BGIA-Report 1/2009), die Teil des ersten Kapitels „Chemische Einwirkungen“ ist, enthält weitergehende Informationen zu Gefahrstoffen, insbesondere Daten zur Einstufung und Kennzeichnung sowie Hinweise auf Vorschriften und Messverfahren. Hier sind Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) und Biologische Grenzwerte (BGW) einschließlich der im April 2011 veröffentlichten Änderungen aufgeführt. Der zweite Abschnitt „Gefahrstoffe in Innenräumen und in der Außenluft“ enthält Grenzwerte und Empfehlungen für die Innen- und Außenluft.

Für biologische Einwirkungen sind keine Grenzwerte vorgegeben. Der Report geht deshalb hier vor allem auf die Grundzüge einer Arbeitsplatzbeurteilung ein.

Im Kapitel „Physikalische Einwirkungen“ sind Grenzwerte und Erläuterungen aufgelistet zu

  • Lärm,
  • Vibration,
  • thermischen Belastungen,
  • Strahlung,
  • Elektrizität und
  • biomechanischen Belastungen.

Wo Grenzwerte fehlen, helfen Empfehlungen und Erläuterungen zur Arbeitsplatzbeurteilung.

Die Liste können Sie kostenlos unter www.dguv.de/ifa/de herunterladen oder als Papierversion bestellen.

Quellen
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung: IFA-Report 1/2011: Grenzwerteliste 2011. Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. ISBN 978-3-88383-875-5

01.08.2011

25 Jahre rekombinanter Impfstoff gegen Hepatitis B Virus

– Jubiläum für erste gentechnisch hergestellte Vakzine – Das bekämpfte Hepatitis-B-Virus ist das zweithäufigste Karzinogen beim Menschen mehr »

21.07.2011

Beruflich bedingtes Asthma: potenziell vermeidbar

Studien belegen für beruflich bedingtes Asthma eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Auslösern und Symptomen. Obwohl die Zahl der möglichen Auslöser stetig steigt, sind die üblichen Verdächtigen immer noch am häufigsten verantwortlich. mehr »

Beruflich bedingte Asthmaerkrankungen sind die Folge entweder einer immunologischen Sensibilisierung oder einer Reaktion auf hohe Konzentrationen von Reizstoffen. Neueren Untersuchungen zufolge stehen etwa 15% der Asthmaerkrankungen bei Erwachsenen in Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz – der so Ursache bedeutender gesundheitlicher und sozioökonomischer Auswirkungen wird. Dabei ist gerade beruflich bedingtes Asthma durch effektive Kontrolle möglicher Auslöser vermeidbar.

Zu den Auslösern allergischen Asthmas zählen (Glyko-)Proteine mit hohem Molekulargewicht pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sowie niedermolekulare Verbindungen. Für die meisten von ihnen ist ein IgE-vermittelter Immunmechanismus dokumentiert. Obwohl in der Literatur etwa 360 verschiedene Verbindungen als Auslöser beschrieben sind und jährlich etwa zwölf neue hinzukommen, sind 50 bis 90% der beruflich bedingten Erkrankungen auf nur wenige Auslöser zurückzuführen: Mehl, Isozyanate, Latex, Persulfatsalze, Aldehyde, Tiere, Holzstaub, Metalle, Enzyme. Dabei sind die Verteilungsmuster – je nach Art der ansässigen Industrie – regional unterschiedlich.

Die meisten Betroffenen finden sich unter Bäckern, Konditoren und anderen Lebensmittel verarbeitenden Berufen, Malern, Friseuren, Holzarbeitern und Schweißern, in Gesundheitswesen, Reinigungswesen, Landwirtschaft und technischen Laboren. Diese Berufsgruppen machen zusammen etwa zwei Drittel der registrierten Erkrankungen aus. Allein 12% davon stehen in Zusammenhang mit einer Reinigungsmittelexposition.

Eine dosisabhängige Beziehung zwischen Exposition und Entwicklung einer Sensibilisierung ist inzwischen für die meisten Auslöser wissenschaftlich bestätigt. Die effektivsten präventiven Maßnahmen sind also wahrscheinlich jene, die auf eine Reduzierung der Auslöser am Arbeitsplatz zielen. Allerdings gibt es Hinweise, dass die Dosis-Wirkungs-Beziehung für einige der Asthmaauslöser (zum Beispiel Labortiere und Weizenmehl) nicht linear verläuft, sondern eher einer glockenförmigen Kurve entspricht, hohe Expositionsniveaus bei diesen potenziellen Auslösern also offenbar eher präventiv wirken.

Atopie bestätigt sich durchgängig als wichtiger Risikofaktor für eine IgE-vermittelte Sensibilisierung gegen hochmolekulare Stoffe. Das trifft auch auf die Arbeitswelt zu: Prospektive Kohortenstudien zeigen, dass Menschen mit Rhinitis und unspezifischer bronchialer Hyperreaktivität bei Antritt einer Arbeit mit potenziellen Allergenen ein erhöhtes Risiko für eine IgE-vermittelte Sensibilisierung und beruflich bedingtes Asthma haben.

Eine Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum bestätigt den Zusammenhang zwischen Expositionsdauer und Stärke der Symptome: In einer Befragung von 178 Patienten mit beruflich bedingtem Asthma (davon 36,5% aus der Landwirtschaft und 63,5% aus dem Backgewerbe) hatten Landwirte im Schnitt deutlich gravierendere Beschwerden als Bäcker. Sehr viele von ihnen (77,5%) waren länger als 10 Jahre in ihrem Beruf tätig gewesen (bei den Bäckern 36,6%). Die statistische Auswertung zeigt, dass sich ein Tätigkeitsstopp günstig auf die Prognose des Asthmas auswirkt. Landwirten steht diese Option allerdings oft kaum zu Verfügung.

Quellen
Vandenplas O: Occupational asthma: Etiologies and risk factors. Allergy Asthma Immunol Res 2011; 3: 157-167
Broding HC et al.: Course of occupational asthma depending on the duration of workplace exposure to allergens – a retrospective cohort study in bakers and farmers. Ann Agric Environ Med 2011; 18: 35-40

11.07.2011

Präsentismus: Arbeiten, obwohl man krank ist, ist teurer als Fehlen

Vermutlich arbeiten immer mehr Arbeitnehmer auch dann, wenn sie nicht voll arbeitsfähig sind. Das hat negative Folgen – für den Mitarbeiter, aber auch für das Unternehmen, und sogar für unsere Volkswirtschaft. mehr »

Arbeiten, obwohl man krank ist: Das hat viele Gründe – und noch mehr Folgen. Der so genannte Präsentismus erfährt nicht zuletzt angesichts einer älter werdenden (arbeitenden) Bevölkerung und zunehmenden Drucks am Arbeitsplatz immer mehr Beachtung. Ein Review der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bietet nun einen ersten strukturierten Überblick über die vorhandene Literatur.

Bei den Ursachen für Präsentismus spielen neben persönlichen Faktoren und strukturellen/Umweltfaktoren (Arbeitsplatzunsicherheit) vor allem arbeits- und organisatorische Einflüsse (wie Arbeitsstress und -verdichtung, Unternehmenskultur) eine Rolle – ein komplexes Wirkungsgefüge sich gegenseitig beeinflussender Faktoren, deren Bedeutung im Einzelnen noch nicht abschließend geklärt ist.

Als gesichert darf angenommen werden, dass Präsentismus – hier verstanden als der Verzicht auf kürzere regenerative Phasen der Arbeitsunfähigkeit bei einem eher schlechten Gesundheitszustand – langfristig das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. „Präsentisten“ stufen ihren Gesundheitszustand signifikant häufiger als schlecht oder eher schlecht ein. Und: Wer trotz Krankheit am Arbeitsplatz erscheint, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für späteres krankheitsbedingtes Fehlen von der Arbeit (Absentismus) – besonders das Risiko für Langzeit-Arbeitsunfähigkeit ist erhöht.

Während die meisten Studien dem Präsentismus negative gesundheitliche Folgen bescheinigen, gibt es auch einzelne Hinweise auf mögliche positive Auswirkungen. Solche salutogenen Effekte halten die Autoren etwa bei psychischen Erkrankungen, chronischen Schmerzen und/oder Muskel-Skelett-Erkrankungen durchaus für denkbar.

Zahlreiche Studien widmen sich den finanziellen Folgen von Präsentismus. Sie belegen, dass die Kosten krankheitsbedingter Einschränkungen der Arbeitsproduktivität beträchtlich sind – und fast immer höher als die entsprechenden Kosten durch Absentismus (also krankheitsbedingte Fehlzeiten). Außerdem sollte bei der Erfassung der ökonomischen Auswirkungen krankheitsbedingter Produktivitätsverluste auch die gesamtwirtschaftliche Perspektive einbezogen werden. Denn auch volkswirtschaftliche Größen wie Bruttoinlandsprodukt, privater Konsum, Investitionen, Exporte und Importe werden durch Produktivitätsausfälle und andere Kosten beeinflusst.

Angesichts der messbaren betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen von Präsentismus legen die Autoren des Reviews Unternehmen eine differenzierte Beobachtung des Gesundheitszustandes ihrer Mitarbeiter ans Herz. Fehlzeitenstatistiken und Unfallzahlen müssten zukünftig ergänzt werden durch verlässliche Angaben zum Gesundheitszustand und zu seinen betrieblichen Bedingungen und Folgen. „Die Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit (…) für das psychische Befinden der Mitarbeiter wird (…) unserer Auffassung nach zum zentralen Ziel betrieblicher Personal- und Gesundheitspolitik.“ Die Ergebnisse der Präsentismusforschung legten nahe, dass in einer alternden Gesellschaft Unternehmen immer stärker darauf angewiesen seien, dass ihre erkrankten Mitarbeiter eine hochwertige und zügige Behandlung und Rehabilitation erhalten.

Quellen
Steinke M, Bardura B: Präsentismus: Ein Review zum Stand der Forschung. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund 2011

Für Fachkreise

Weitere Informationen zu den einzelnen Meldungen finden Sie nach dem DocCheck-Login.


Stand: Februar 2012, db/bk

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